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Zeitverwendung in Österreich: Strukturelle Ungleichheit als Barriere am Arbeitsmarkt

von Benedikt Kramer, LL.M

Die Zeitverwendungserhebung 2021/22 der Statistik Austria liefert detaillierte Einblicke in die Verteilung von Zeitressourcen innerhalb der österreichischen Bevölkerung. Jenseits der individuellen Alltagsgestaltung offenbaren die Daten ein tiefgreifendes geschlechtsspezifisches Ungleichgewicht. Dieses Gefüge aus bezahlter und unbezahlter Arbeit bildet eine wesentliche Grundlage für mittelbare Diskriminierung in der Erwerbswelt und definiert das Einsatzfeld für gezielte Antidiskriminierungsarbeit.

Das quantitative Gefälle zwischen Erwerbsarbeit und unbezahlter Tätigkeit

Die Erhebung verdeutlicht eine klare geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Während Männer im Durchschnitt täglich 3 Stunden und 35 Minuten für Erwerbstätigkeit aufwenden, investieren Frauen hierfür lediglich 2 Stunden und 13 Minuten. Dieser Unterschied wird bei der Betrachtung der unbezahlten Sorgearbeit in Haushalt und Familie gespiegelt, jedoch mit umgekehrtem Vorzeichen: Frauen leisten hierfür täglich durchschnittlich 3 Stunden und 37 Minuten, Männer hingegen 2 Stunden und 6 Minuten. Innerhalb der unbezahlten Arbeit nimmt die Hausarbeit den größten Raum ein. Hier verbringen Frauen und Mädchen täglich 3 Stunden und 7 Minuten, was deutlich über dem Zeitaufwand der männlichen Bevölkerung von 1 Stunde und 54 Minuten liegt. Besonders prägnant ist die Diskrepanz in Haushalten mit Kindern. Erwachsene Frauen unter 65 Jahren in solchen Haushalten investieren im Durchschnitt fast doppelt so viel Zeit in unbezahlte Arbeit wie Männer in derselben Lebenssituation.

Die Verteilungsmuster innerhalb von Partnerschaften

Die Datenlage zeigt, dass die ungleiche Zeitverteilung auch in Paarhaushalten unabhängig vom Erwerbsstatus der Beteiligten fortbesteht. Frauen erledigen in Partnerschaften etwa zwei Drittel der anfallenden Hausarbeit. Selbst in Konstellationen, in denen Frauen ein höheres Erwerbsausmaß als ihre Partner aufweisen, leisten sie immer noch über die Hälfte der Hausarbeit. In Paarhaushalten mit Kindern verschärft sich dieses Verhältnis weiter, wobei Frauen durchschnittlich 68 Prozent der Hausarbeit übernehmen. Diese Verfestigung traditioneller Rollenmuster findet auch in der Kinderbetreuung statt, wo Frauen fast zwei Drittel der Gesamtzeit aufwenden.

Zeitverwendung als Grundlage mittelbarer Diskriminierung

Die Ergebnisse der Studie lassen sich unmittelbar in einen Diskriminierungskontext am Arbeitsplatz übersetzen. Die massive Belastung durch unbezahlte Arbeit schränkt die zeitliche Verfügbarkeit von Frauen für den Arbeitsmarkt systematisch ein. Dies führt häufig zur Notwendigkeit von Teilzeitarbeit, was in vielen Branchen nach wie vor mit geringeren Karrierechancen und einem erschwerten Zugang zu Führungspositionen verbunden ist. Da Beförderungskriterien und Arbeitsstrukturen oft implizit auf einer uneingeschränkten zeitlichen Verfügbarkeit basieren, werden Personen mit Sorgepflichten strukturell benachteiligt. Zudem belegt die Studie eine höhere subjektive Belastung bei Frauen. 26 Prozent der Frauen geben an, fast immer unter Zeitdruck zu stehen, während dies bei Männern auf 22,1 Prozent zutrifft. Besonders die Sorgearbeit in Haushalt und Familie wird von 36,5 Prozent der Frauen als Quelle von Zeitdruck empfunden. Diese chronische Belastung kann die Leistungsfähigkeit und Gesundheit im Erwerbsleben beeinträchtigen und stellt somit eine weitere Hürde für die berufliche Gleichstellung dar.

Ansatzpunkte der Antidiskriminierungsarbeit

Antidiskriminierungsarbeit bedeutet in diesem Zusammenhang, die Verbindung zwischen der privaten Zeitverwendung und der beruflichen Benachteiligung sichtbar zu machen und rechtlich zu prüfen. Wenn beispielsweise der Zugang zu Weiterbildungen oder Bonuszahlungen faktisch an eine Vollzeitpräsenz geknüpft ist, sind diese Praktiken als mittelbare Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der familiären Situation zu identifizieren.

Ein wesentlicher Teil der Antidiskriminierungsarbeit besteht darin, Bewusstsein für jene Mechanismen zu schaffen, die auf den ersten Blick neutral wirken, aber aufgrund der in der Zeitverwendungsstudie belegten Realitäten eine benachteiligende Wirkung entfalten. Dies umfasst die Unterstützung bei der Durchsetzung von Rechten im Rahmen des Gleichbehandlungsgesetzes sowie die Sensibilisierung von Arbeitgebenden. Ziel ist es, die strukturellen Hürden, die aus der ungleichen Zeitverteilung resultieren, nicht als individuelles Versagen zu betrachten, sondern als rechtliche Herausforderung, die aktiv angegangen werden muss.

Gesellschaftspolitische Implikationen für den Standort Österreich

Die Analyse der Zeitverwendungserhebung macht deutlich, dass die Ungleichheit am Arbeitsplatz nicht allein durch betriebliche Maßnahmen gelöst werden kann. Die Verteilung der Zeitressourcen ist eng an soziale Normen und institutionelle Rahmenbedingungen geknüpft. Solange unbezahlte Arbeit in diesem Maße ungleich verteilt bleibt, verfestigen sich die ökonomischen Abhängigkeiten und der Gender Pay Gap. Ein Abbau von Diskriminierung am Arbeitsmarkt erfordert daher neben der rechtlichen Unterstützung auch eine gesamtgesellschaftliche Neubewertung von Zeit, die sowohl die Erwerbs- als auch die Sorgearbeit als wertvolle Leistungen anerkennt.

Die Ergebnisse der Zeitverwendungsstudie sind unter https://www.statistik.at/fileadmin/user_upload/ZVE_2021-22_barrierefrei.pdf abrufbar.

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